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Geschichtsschreibung als Bedürfnis und Leidenschaft
Der Historiker, Autor und ehemalige Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs, Paul Sauer, ist gestorben

Der frühere Direktor des Stuttgarter Stadtarchivs, Professor Paul Sauer, ist am
17. Juli kurz vor Vollendung seines 79. Lebensjahres gestorben. Paul Sauer leitete das Stadtarchiv vom 1. Juli 1986 bis zum Eintritt in den Ruhestand am 31. Juli 1996. Zuvor hatte er sich, damals noch im Archivdienst des Landes, als Landeshistoriker profiliert und einen Namen gemacht.

Sauer, geboren am 22. Juli 1931 in Wolfsölden (heute Affalterbach), wurde 1956 in Freiburg mit einer Arbeit über „Das württembergische Heer in der Zeit des Deutschen und des Norddeutschen Bundes“ promoviert. Ein Jahr später trat er in den Archivdienst des Landes. Seit 1962 war er am Hauptstaatsarchiv Stuttgart tätig, dessen stellvertretender Direktor er 1979 wurde.

In den 1960er-Jahren bearbeitete Sauer im Auftrag der Archivdirektion die wegweisende Dokumentation über das Schicksal der jüdischen Bürger in Baden und Württemberg, erweitert um Bände über die jüdischen Gemeinden in Baden und Württemberg sowie wichtige Quellen.

Dieses Werk fand auch internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung. Bis heute ist es eine unverzichtbare Grundlage für die Beschäftigung mit der Schoa im deutschen Südwesten.

Mit seiner Monographie „Württemberg in Zeit des Nationalsozialismus“ (1975), für die Sauer 1977 den Schillerpreis erhielt, erschloss er der Landesgeschichte neue Horizonte, ebenso mit dem Folgeband „Demokratischer Neubeginn in Not und Elend. Das Land Württemberg-Baden von 1945 bis 1952“ (1978).

Über Geschichte zu schreiben, war für Paul Sauer Bedürfnis, Leidenschaft und Lebenselixier zugleich. Dabei wollte er Menschen in der Geschichte zeigen und Geschichte für die Menschen schreiben, anschaulich und verständlich. Dies ist ihm, wie eine große Leserschaft bezeugt, in hervorragender Weise gelungen.

Nach der Biographie des ersten württembergischen Königs Friedrich, des „schwäbischen Zaren“ (1984), verfasste er auch die Biographien der drei übrigen Könige Wilhelm II. (1994), Wilhelm I. (1997) und Karl (1999).

In kaum fassbar dichter Folge, bis hinein in die letzten, von gesundheitlichen Rückschlägen geprägten Jahre, erschienen aus der Feder Sauers zahlreiche Biographien, die zugleich ein facettenreiches Panorama der jeweiligen Epoche boten.

Der Bogen umspannt nahezu vier Jahrhunderte und reicht – in historischer Chronologie, nicht einmal vollständig und ergänzt um weitere Publikationen etwa über die Geschichte des Hohenasperg (2004) – von Herzog Friedrich I. (2003), Herzog Carl Alexander (2006), Herzog Eberhard Ludwig (2008) über den 48er-Revolutionär Gottlieb Rau (1998), die Herzogin Wera (2004) bis zu NS-Gauleiter Wilhelm Murr (1998) sowie Ministerpräsident Reinhold Maier (1989) und Stuttgarts Nachkriegsbürgermeister Arnulf Klett (2001).

Sauer ging es nicht um historische Größe, vielmehr um Verständnis und Menschlichkeit. Dies entsprach seinem christlich geprägten Menschenbild und wohl auch den Erfahrungen einer Sozialisation in der Zeit der Diktatur.

Stuttgart widmete Paul Sauer eine Geschichte der Jahre von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg („Das Werden einer Großstadt“, 1988) sowie anknüpfend an Decker-Hauffs Darstellung bis Ende des Spätmittelalters zwei weitere Bände der Geschichte der Stadt Stuttgart. Sie umfassten die Jahre von der Einführung der Reformation bis zum Abschluss der Verfassungsverträge für das Königreich 1819 (1993, 1995).

Stets blieb Sauer, der auch Otto Hirsch 1985 ein Lebensbild gewidmet hatte, der deutsch-jüdischen Geschichte verbunden, auch in seinem persönlichen Engagement. So war es geradezu eine Selbstverständlichkeit, dass er 2002 auch an der Geschichte der Israelitischen Religionsgemeinschaft maßgeblich mitgewirkt hat.

In seine Stuttgarter Amtszeit fielen auch die Eröffnung des Museums Hegelhaus im Jahr 1991 sowie der Stadtgeschichtlichen Ausstellung im Tagblatt-Turm 1994. Eine Enttäuschung blieb, dass der seinerzeit angestrebte und von ihm vorangetriebene Neubau eines Stadtarchivs nicht verwirklicht werden konnte. Mit umso mehr Anteilnahme und Freude verfolgte er in der letzten Zeit das aktuelle Stadtarchiv-Projekt in Bad Cannstatt.

Persönlich bescheiden und zurückhaltend, dabei stets mit klarem Kompass, dessen Wurzeln er in den Erinnerungen an seine Jugendzeit nachspürte (2007), wurden Sauer zahlreiche Ehrungen zuteil, so das Bundesverdienstkreuz (1980), der Titel Professor (1988) und die Verdienstmedaille des Landes (1996).

Seine Heimatgemeinde Affalterbach und seine Wohngemeinde Tamm, deren Ortsgeschichten er schrieb, haben ihn mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet.

In Stuttgart wurde Professor Sauer im Jahr 2000 die Otto-Hirsch-Medaille für Verdienste um die christlich-jüdische Zusammenarbeit verliehen, und 2002 zeichnete ihn die Stadt in Anerkennung seines beispielhaften ehrenamtlichen Engagements mit der Ehrenplakette der Landeshauptstadt Stuttgart aus. Paul Sauer hat sich bleibende Verdienste um die Landeshauptstadt Stuttgart erworben.

 





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